Leben im Hospiz


Was geschieht in einem Hospiz? Wie geht es dort zu? Jo und Sibilla Brombach, Gründer des Elisabeth-Hospizes in Lohmar-Deesem und damit Pioniere der Hospiz-Bewegung in Deutschland, stellen in dem folgenden Text dar, was in einem Hospiz von Bedeutung ist.

Zu nichts drängt uns unsere Natur stärker, als sich Gesundheit und langes Leben zu wünschen. Wenn sich diese Ur-Sehnsucht jedoch nicht erfüllt, brauchen wir an der letzten, schwierigen Wegstrecke einen Lebens-und Schutzraum, eine Herberge, in der wir als Gast  Sicherheit und Freundschaft erfahren. Dies meint Hospiz.

Es ist ein Zuhause, wo Menschen in der letzten Lebensphase in ihrer Krankheit und in ihrem Sterben Ge­borgenheit, Solidarität und liebevolle Pflege erleben. Für Gäste, die dort ihr Leben zum Abschluss bringen, kann diese Zeit – trotz der sehr spürbaren Beschwernisse – noch einen ganz besonderen Wert gewinnen. Für das, was für jeden einzelnen ganz unterschiedlich bedeutsam ist, und wie sie und er dies erfahren möchte, gibt es keine Norm. Darum sind die Schwestern, Ärzte und alle anderen im Hospiz Mitwirkende mit viel Phantasie, Erfahrung und Einfühlung darauf bedacht, das verbleibende Leben als wertvoll zu erfahren. Vor allem kommt es darauf an, zunächst körperliche und seelische Schmerzen und Leiden durch ärztlich und pflegerisch sehr fachkundige palliativmedizinische Behandlung zu lindern.

Die Helfenden, Ehrenamtliche wie Hauptberufliche, sind bemüht, wie bei einer Schatzsuche die ganz persönlichen Wünsche der Gäste so weit wie eben möglich zu erspüren und zu erfüllen. Oft sind es dann ganz einfache Erlebnisse, die dem Leben Freude und Qualität verleihen: Sich in der Küche etwas ganz Ausgefallenes bestellen, vielleicht einem Gitarren- oder Klavierspiel zuhören oder selbst Musik machen, Spaß daran haben, gemeinsam im Wohnzimmer zu plaudern, singen oder zu spielen, vor dem offenen Kamin im Winter sich wärmen oder im Sommer auf dem Balkon und im Garten an Festen und Hauskonzerten teilnehmen, sich Geschichten oder etwas aus der Zeitung vorlesen lassen. Vielleicht fühlt sich jemand ermutigt, im Malen auf Seide oder Papier die Wechselstimmung seiner Gefühle auszudrücken, oder im Ge­spräch seine Sorgen und Nöte, Ängste und Trauer mitzuteilen oder nur im schweigenden Verstehen die Nähe eines Vertrauten spüren.

So können die Gäste in Begleitung von Ehrenamtlichen oder Angehörigen durch die Auenlandschaft an der Sieg spazierfahren, oder im phantasievoll gestalteten Park der Natur nahe sein. Wer mag, kann begleitet einen Stadtbesuch  unternehmen und vielleicht dort ein Konzert oder eine Ausstellung erleben, ungestört in einer Boutique stöbern oder eine Kneipe aufsuchen. Ein Fahrdienst mit Kranken­­­wagen ermöglicht ebenso ohne Kosten für den Kranken Besuchsfahrten in die eigene Wohnung oder zu Freunden und Verwandten. Natürlich ist es auch möglich, den Geburtstag zum Beispiel mit Freunden und Familie im Hospiz zu feiern, Besuch einzuladen, der zu jeder Tag- und Nachtzeit kommen und in eigenen Gästezimmern mitwohnen kann.

Bei all dem gilt: Freiheit über alles! Der Gast führt die Regie. Selbstbestimmung bleibt ein sehr hohes Gut. – Dies alles kann Schmerzen lindern, hellt Stimmung und Seele auf und kann so das Gefühl bestärken: „Ja, Ich bin da. –  Ich gehöre dazu!  Ich fühle mich sicher und geborgen.“

Für andere Kranke, die die Abwechslung so nicht oder nicht mehr wünschen oder wenn sich bei fortschreitender Krankheit Wünsche und Bedürfnisse ändern, wird dafür gesorgt, dass sie den notwendigen Schutz vor zu viel äußeren Eindrücken finden und in Ruhe allein oder zu zweit sein können.

Wenn die Sorge um das Leibliche dann Linderung bringt, öffnet sich manch einer dem Gespräch mit jemandem, dem man sich anvertrauen möchte, und sucht gemeinsam mit ihm  im Ringen um Sinn und Widersinn seines Schicksals nach einer Antwort auf die quälende Frage „Warum? –Und was kommt auf mich zu?“. – Wenn der Gast es wünscht, erfährt er seinem religiösen, spirituellen oder ganz individuellen Lebensgefühl gemäß  persönlichen Beistand. So kann auch am Krankenbett alleine oder im Begegnungsraum gemeinsam mit Angehörigen, Freunden und denen, die den Kranken kennen und begleiten durften, eine  Lebens-Ernte-Dankfeier gestaltet werden – wenn gewünscht – mit Speis und Trank, Musik, besinnlichen Texten und Gebet.

Diese Erlebnismöglichkeiten zu erwähnen, will die Schwere des Schicksals nicht beschönigen, das Leben im Hospiz nicht idealisieren. – Denn für die meisten bringt der Tod gegen ihren Willen die radikalste Veränderung des Lebens. – Dennoch kann Sterben dann intensiv zum Leben gehören, wenn zusammen mit An­gehörigen und Freunden die Begleiter im ambulanten oder stationären Hospiz darauf bedacht sind, das unvermeidbare Los mitzutragen, um dem Kranken ein Zuhause zu geben. So können sich alle, die berührt sind von dem Ereignis des Übergangs, als Weg-Gemeinschaft verstehen, als Wanderer, die gemeinsam unterwegs sind auf ein unbestimmtes Ziel.